Eurosonic / Noorderslag
11. - 14. Januar 2012 - Groningen (Niederlande)

Hier werden die Stars von morgen geboren: Im noch winterlichen Groningen nahe der niederländischen Nordseeküste fiel vom 11. bis 14. Januar wieder der Startschuss für das Festivaljahr 2012. Zum 26. Mal trafen beim Eurosonic/Noorderslag Festival die brilliantesten Newcomer der europäischen Musikszene auf ein fachkundiges Publikum und auf Vertreter aus allen Ecken des Musikbusiness.

Die gewaltige Talentbörse – insgesamt waren beinahe 250 Künstler in Groningen – steht dabei jedes Jahr im Zeichen eines anderen europäischen Landes. Nach Frankreich, Deutschland, Italien, Schweden, Belgien, Norwegen und den Niederlanden lag der musikalische Schwerpunkt 2012 bei Irland. Mehr als 20 hoffnungsvolle Bands von der grünen Insel stürmten daher unter folksfestartigen Bedingungen die zahlreichen Konzertbühnen. Genregrenzen spielen dabei längst keine Rolle mehr, denn von Soul über Indie-Pop bis zu elektronischer Musik ist wohl jede Richtung vertreten. Rockpalast hat auch dieses Jahr wieder Ausschau nach den heißesten Acts des Eurosonic/Noorderslag-Festivals gehalten und zeigt Euch die Highlights aus den vollgepackten Festivaltagen.
Der Mittwoch in Groningen


Bands und Musiker aus Estland bekommt man bei uns eigentlich nur beim Euro Vision Songcontest zu sehen und zu hören. In Groningen sind Ewert And The Two Dragons. Eine Viermann Band aus Talin, die seit knapp drei Jahren unterwegs ist. In ihrer Heimat haben sie bereits für Furore gesorgt. Ihr aktuelles Album „Good Man Down“ verkaufte sich so gut wie kein anderes und die größte Halle in Talin haben sie mit 1800 Zuschauern ausverkauft. Beim EuroSonic Festival spielen sie im oberen Teil, des legendären Jazzclubs „De Spieghel“, der das gemütliche Ambiente einer Kneipe hat. Viel Platz ist nicht, weder auf, noch vor der Bühne. Ewert And The Two Dragons überzeugen mit schönen Popsongs. Sänger Ewert spielt neben Glockenspiel auch E-Piano, dadurch blitzen immer wieder Ähnlichkeiten zu Coldplay auf - auch wenn die Songs der Esten noch nicht die Stadiontauglichkeit der Engländer besitzen.

The Sea: Mal wieder zwei Brüder aus England. Alex und Peter kommen aus Cornwell, diesem Landstrich, der von Rosamunde Pilcher in den blumigsten Farben beschrieben wird. Hier verbringen die beiden jede Menge Zeit im Wasser und surfen. Oder sie sind an Land und spielen Gitarre (Peter) und Schlagzeug (Alex). Ihr Sound ist angelehnt an das, was auch die anderen Zweimann Kapellen (The White Stripes, Black Keys, Johnossi u.a.) auf die Bühne bringen: Blues und Rock. Auf ihrem zweiten Album „Rooftops“ öffnen sie noch einige weitere musikalische Schubladen und lassen auch Pop zu. Peter wechselt schon mal ans Piano und der Rock tritt in die zweite Reihe. The Sea konnten schon für Aufmerksamkeit sorgen. Sie durften bereits im Vorprogramm von Muse ihr Können beweisen, in Amerika haben sie bereits eine kleine Tour gespielt und konnten sich beim South By Southwest Festival in Austin, Texas empfehlen. Ihr Auftritt in Groningen wird sie mit Sicherheit auch in Europa einen Schritt nach vorne bringen.

Der Donnerstag in Groningen
 

Newcomer sind I Got You On Tape schon längst nicht mehr. Seit 2004 mischen sie in der dänischen Musikszene mit. Vier Alben stehen auf ihrem Veröffentlichungskonto und die letzten beiden wurden mit positiven Kritiken überschüttet. Vor allem die markante Stimme von Sänger Jacob Bellens gepaart mit den melodisch, interessanten Sounds geben den Liedern von I Got You On Tape etwas unverwechselbares. Eine Entdeckung beim Eurosonic Festival - auch wenn es die Band schon seit acht Jahren gibt.

Jamie N Commons kommt aus Bristol, hat sieben Jahre seines Lebens in Chicago verbracht und ist gerade mal 22 Jahre alt. Seine Stimme klingt so, als hätte sie mindestens die doppelte Lebenszeit hinter sich und wurde permanent mit allem bearbeitet, was sie rau und dunkel macht. Er selbst sagt, dass seine musikalischen Vorbilder Tom Waits, Nick Cave und vor allem auch Ray Charles sind. Diese Sänger hat er imitiert und heraus kam das, was man jetzt auf der Bühne hört. Ein Album gibt es noch nicht, aber bereits genügend Fans, die auf seinen bluesinfizierten Sound warten.

Sechs Bandmitglieder gehören heute zu Team Me. Das war nicht immer so, denn eigentlich ging es als Soloprojekt los. Marius Hagen gewann einen norwegischen Radiowettbewerb. Auf einmal sollte er mit seinen Stücken auf die Bühne und brauchte für die Umsetzung andere Musiker. Geschadet hat es ihm und das was raus kommt nicht. Team Me spielen auf ihrem Debütalbum „To The Treetops!“ gut gelaunten Elektropop, der auch live jede Menge Spaß macht.

Adrettes Outfit, Hornbrillen, fluffiger Gitarrenpop und mehrstimmiger Harmoniegesang. Bei der Londoner Band Spector stimmen die Zutaten für eine erfolgreiche Karriere. Allerdings wirkt das Gesamtpaket ein bisschen zu sehr inszeniert. Vielleicht liegt es aber auch an dem Bandnamen. Schließlich weckt man hier die Assoziation zu Phil Spector, einem der größten Produzenten überhaupt – und da liegt die Messlatte ziemlich hoch.

Fünf Monate hat sich James Vincent McMorrow in einem Haus am Meer eingemietet, um die Songs für sein Debütalbum „Early In The Moring“ zu schreiben. Die Einsamkeit hat sich gelohnt. McMorrow singt mit Kopfstimme zu überwiegend ruhigen Songs, deren Dynamik einen mit in die Tiefe, aber nicht runter ziehen. Wer Bon Iver mag, wird auch bei seiner Musik nicht abschalten. James Vincent McMorrow wurde bereits zwei Mal beim Eurosonic Festival eingeladen: 2011 und 2012.

Zu Viert stehen Switch Opens auf der Bühne des legendären Rockclubs Vera in Groningen. Beim Eurosonic Festival zeigen die Herren aus Schweden, dass sie dem Publikum einen gehörigen Tritt in den Hintern geben können. Als sie 2008 als Band anfingen, nannten sie sich noch „Fingerspitzengefühl“. Jetzt beweisen sie es nur noch. Zwar auf die brachiale Art, aber die kommt an - und passt perfekt an diesen Ort, in dem schon Bands wie U2, Nirvana, die Pixies und fast alle anderen großen Gruppen zu Beginn ihrer Karriere gespielt haben.

Der Freitag in Groningen

Ungarische Folkmusik, traditionelle Instrumente und Dance Beats, damit konnte die Kerekes Band in ihrer Heimat bereits tausende Fans begeistern. Die Flöte gehört normalerweise nicht zu den typischen Instrumenten, die der Rockpalast bei Konzerten filmt. Bei der Fünfmann Combo steht sie im Mittelpunkt ihrer Musik. Sie selber beschreiben ihren Sound als Ethno Funk - und der geht in die Beine.

School Is Cool: Über die Coolness des Namens der belgischen Band kann man streiten, aber nicht über ihre Live-Fähigkeiten. Die Band aus Antwerpen wurde 2010 bereits mit dem bedeutendsten belgischen Musikpreis ausgezeichnet. So wie sie sich beim Eurosonic Festival 2012 präsentiert haben, wird es nicht ihr letzter sein.

Aus Harlem in den Niederlanden kommen Baskerville. Die beiden Köpfe heißen Bart und Theis. Ihren Elektro Crossover können sie live mit Band umsetzen - oder mit Laptop. Egal wie sie auftreten, das Publikum rastet aus. Sie treffen den Nerv und wissen, wie sie Menschen in Ekstase versetzen. Beim Eurosonic hatten sie (wie alle anderen Bands) nur 45 Minuten Zeit, aber der Funke sprang vom ersten Ton an über. Eine gelungene Party.

Um heutzutage im Dickicht der Musikszene aufzufallen, muss man entweder herausragende Fähigkeiten und Songs besitzen oder ein ungewöhnliches Konzept mitbringen. Bei Hurra Torpedo ist es Letzteres. Die drei Norweger bedienen sich überwiegend bei anderen Bands und covern deren Stücke, allerdings auf eine Art, die einzigartig ist. Ihr Instrumentarium besteht aus ausrangierten Geschirrspülmaschinen, Trocknern, einer Gefriertruhe, einem Herd und was man sonst beim Sperrmüll findet. Mit diesem Konzept sind sie seit 1993 erfolgreich und haben sogar bereits eine Amerikatour hinter sich.

Reptile Youth hießen noch bis vor kurzem Reptile & Retard. Von sich selbst behaupten sie, dass es keine andere Band gibt, die so viel Energie hat. Neckbreaking Energy wurde diese Besonderheit getauft. Ihre Heimat ist die dänische Hauptstadt Kopenhagen, ihre Musik hat sie aber bereits über die Grenzen hinaus bekannt gemacht. Vor allem in China waren sie längere Zeit auf Tour und konnten dort vor tausenden Menschen spielen. In Groningen machten sie einige hundert Eurosonic-Besucher glücklich.

Iceage sind jung. Iceage sind schon jetzt eine der hochgehandeltsten Bands, die momentan unterwegs sind. Die vier Dänen geben Punk einen neuen Kick. Ihr Konzert im proppevollen Club Vera ist nach 23 Minuten vorbei, dann haben sie alle Songs ihres gefeierten Debütalbums „New Brigade“ gespielt. Das Publikum hätte gerne doppelt so lange gemosht, aber dafür müssen Sänger Elias und seine Jungs erst noch mal ins Studio um nachzulegen. Man darf gespannt sein, ob sie ihre selbstgelegte Messlatte noch mal überspringen können.

In 2011 haben die Chemnitzer in Deutschland einiges aufgemischt. Ihr Hit „Ich geh nicht nach Berlin“ lief rauf und runter. Dank ihrer frischen, rotzigen Art wurden sie schnell zu einer der beliebtesten Bands und das, obwohl sie noch noch kein Album draußen hatten. Dennoch konnte das Publikum die meisten Texte von Kraftklub aus vollem Hals mitsingen. Beim Eurosonic Festival war der Publikums-Chor noch nicht ganz so druckvoll. Die Energie kam trotz des Auswärtsspiels rüber und die Band hatte Spaß – wie immer.
Mittwoch, 11. Januar 2012
The Sea (UK)
Ewert And The Two Dragons (EST)

Donnerstag, 12. Januar 2012
Switch Opens (SE)
James Vincent McMorrow (IR)
Spector (UK)
Team Me (NO)
Jamie N Commons (UK)
I Got You On Tape (DK)

Freitag, 13. Januar 2012
Kraftklub (DE)
Iceage (DK)
Reptile Youth (DK)
Hurra Torpedo (NO)
Baskerville (NL)
School Is Cool (BE)
Kerekes Band (HU)
